Bild: Career Verlag // Jede Fee erfüllt drei Wünsche, dann ist es mehr als genug.

Die drei Wünsche

Mag. Dagmar Wagner, Finanzdienstleistung

Gute Software-EntwicklerInnen mit Spezialgebiet Java sind rar – so rar, dass im Vergleich sogar Nadeln im Heuhaufen etwas von ihrem Seltenheitswert einbüßen. Man muss schon sehr viele Bewerbungen sondieren, um eine geeignete Kandidatin oder einen geeigneten Kandidaten zu finden. So kam es schließlich auch, dass mein Kollege und ich – als wir eines Tages ebensolche Java-Experten suchten – eine Vielzahl an Gesprächen mit „Naja“-Kandidaten zu absolvieren hatten. Mein Kollege war zu dem Zeitpunkt als Geschäftsführer einer der Tochtergesellschaften, ich als Personalleiterin unseres Konzerns tätig. Aber nicht, dass Sie denken, ich erwähnte das aus Standesdünkel! Lassen Sie mich Ihnen einfach von Herrn M. erzählen, 43 Jahre alt und seit drei Jahren arbeitslos:

Gleich zu Beginn des Bewerbungsgesprächs wurde mir klar, dass Herr M. offenbar Probleme mit Frauen hatte, denn er ignorierte mich gekonnt. Selbst dann, wenn ich ihm die Fragen stellte. Er beantwortete sie zwar, allerdings immer nur an meinen Kollegen gerichtet. Außerdem schrieb er alles, was gesagt wurde, fast wortwörtlich mit. Das Gespräch war also wirklich anstrengend und ich der festen Überzeugung, es könnte nicht mehr schlimmer werden. Da sollte ich mich allerdings gewaltig irren.

Schlimmer geht immer  

Als nämlich seine Füllfeder leer wurde, sah er in meine Richtung – plötzlich war ich doch sichtbar – und wies mich an: „Meine Füllfeder ist leer, geben Sie mir Ihren Kugelschreiber!“ Seinen Tonfall als herablassend zu bezeichnen wäre ein Ausdruck völliger Untertreibung gewesen. Nichtsdestotrotz blieb ich äußerlich ruhig, holte von meinem Schreibtisch (das Gespräch fand übrigens in meinem Büro statt) einen Kugelschreiber und meinte stoisch: „Bitte schön, gerne können Sie diesen Kugelschreiber auch mitnehmen.“

Herr M. nahm den Kugelschreiber ohne auch nur ein Wort des Dankes entgegen. Kaum wollte ich mich setzen, sah er hoch und orderte bei mir forsch und mit etwa diesen Worten einen Kaffee: „Ich möchte einen Kaffee – bringen Sie einen!“ In diesem Moment verschlug es mir nun doch die Sprache, und auch mein Kollege schaute mich recht verschreckt an – wobei man dazusagen muss, dass er mich zuvor wohl noch nie sprachlos erlebt hatte. Da hatte ich meine Contenance aber auch schon wiedererlangt und fragte ihn mit einem schelmischen Augenzwinkern „Wenn ich schon dabei bin, Kaffee zu servieren, möchtest du auch einen?“ Leise und mit einem nur mühselig unterdrückten Grinsen murmelte er: „Ja, bitte, wenn du so nett bist.“

Jede gute Fee im Märchen erfüllt drei Wünsche

Also begab ich mich hinaus in die Küche, wo ich zufällig die Vorstandsassistentin antraf, die mich fragte, ob das Vorstellungsgespräch denn so schnell schon vorbei wäre. Nachdem ich ihr in knappen Worten von der Kaffeebestellung des Kandidaten berichtet hatte, schlussfolgerte sie das einzig Richtige: „Na, wofür bewirbt sich der, etwa als Generaldirektor?“ – wir lachten beide herzlich.

Als ich gekonnt den Kaffee servierte, bedankte sich mein Kollege ausnehmend freundlich für das gute Service. Herr M. zeigte sich davon unbeeindruckt, ignorierte mich und sprach einfach weiter. Aber es sollte noch besser kommen … gerade als ich Platz nehmen wollte, hatte der gute Mann ein neues Bedürfnis: „Mir ist heiß, machen Sie das Fenster auf!“. Dabei zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Fenster. Und ja, ich öffnete das Fenster.

Bevor ich mich allerdings wieder an den Tisch setzte, sagte ich ganz freundlich und ruhig zu ihm: „Mein lieber Herr, jede gute Fee im Märchen erfüllt drei Wünsche. Ihre habe ich nun erfüllt, mehr gibt es nicht! Haben wir uns verstanden?“

Ein Akt vollendeter Selbstbeherrschung

Herr M. sah mich daraufhin kurz verständnislos an, sprach dann aber ungerührt weiter, während mein Kollege sein breites Grinsen nun gar nicht mehr verbergen konnte. In einem Akt vollendeter Selbstbeherrschung brachten wir das Gespräch zu Ende. Kaum dass Herr M. das Büro verlassen hatte, fragte mich mein Kollege, ob wir ihn denn nun aufnehmen wollten. Mit einem verschwörerischen Schmunzeln antwortete ich ihm: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich es schaffen werde, ihm jeden Tag einen Kaffee zu servieren, deshalb müssen wir uns wohl oder übel fragen, ob wir ihn tatsächlich als neuen Generaldirektor haben wollen.“

Mein Kollege hat die Geschichte natürlich brühwarm seinen MitarbeiterInnen erzählt, und wann immer eine Besprechung mit mir anberaumt ist, sagen sie: „Wir haben einen Termin mit Frau W., denn sie kann hier den Kaffee am allerbesten servieren.“

Nachwort:
Ob der Kandidat von Beginn an richtig verstanden hat, dass ich die Personalleiterin war und folglich einen maßgeblichen Einfluss auf die Personalauswahl hatte, kann ich bis heute nicht beantworten. Ich glaube, für ihn war es einfach undenkbar, dass eine Frau eine solche Position innehaben kann. Ich habe ihm jedenfalls mit Genuss bei einer Tasse Kaffee abgesagt.

 

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