Bild: Career Verlag // Männer in Designerkleidern

Damen unter sich

anonym, Bekleidungsindustrie, rund 580 Mitarbeiter

Seit einigen Jahren bin ich in einem Unternehmen tätig, das Damenmoden designt und herstellt. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass es in der Modebranche ein wenig anders zugeht als in anderen Wirtschaftssparten. Unser durchwegs weibliches Personal ist salopper, lockerer und vielleicht auch ein wenig ausgeflippter als anderswo. Aber genau wie in anderen Branchen geht das Recruiting Hand in Hand mit einigen Herausforderungen, wie mir wieder einmal folgende Begebenheit bewies.

Unsere langjährige Administrationsleitung war in Pension gegangen und wir suchten einen passenden Ersatz für sie. Sie war eine so ruhige Frohnatur, ein Urgestein im Unternehmen und sozusagen die Mutter aller Angestellten. Es liegt auf der Hand, dass wir aufgrund der Beschaffenheit unseres Teams und der Rolle der Vorgängerin gerne eine weibliche Mitarbeiterin gehabt hätten, aber wie es das Schicksal so will, waren primär männliche Bewerbungsschreiben passend.

Not amused...

Wir hatten also unsere Vorauswahl getroffen und bestellten einige der Herren zum mündlichen Bewerbungsgespräch. Als unsere langgediente Administrationsdame, eine überzeugte Feministin, die Männerschar in Empfang nahm, war sie nicht sonderlich erfreut und hatte auch keine Skrupel, ihren Unmut zu zeigen.

Sie kündigte den jeweiligen Aspiranten mit säuerlichem Gesicht und deutlich abweisender Stimme an. Als ich ihr daraufhin nahelegte, doch etwas freundlicher zu sein, um die armen Männer nicht gleich zu verschrecken, setzte sie beim nächsten Bewerber ihr liebenswürdigstes Lächeln auf und verkündete lautstark: „Schon wieder keine Dame.“

Der vorstellige Herr war sichtlich nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute sofort den Hintersinn dieser Ankündigung. Er war zwar etwas verwundert, nahm es jedoch mit Humor und erklärte spitzbübisch lächelnd, dass er kein Problem damit hätte, künftig auch in Frauenkleidern zu erscheinen. Er hätte noch einige sehr hübsche Designerkleider in seinem Kasten.

Kopfkino

Es wurde mäuschenstill, und die unausgesprochene Frage stand deutlich im Raum: „Wieso Frauenkleider, kann es sein, dass dieser smarte Herr privat Damenroben trägt?“ Als Mann von Welt und Frauenversteher erkannte er jedoch sofort, was in unseren Köpfen vor sich ging und dass er gewaltig missverstanden wurde. Indem er seinen ganzen Charme spielen ließ und uns bezaubernd anlächelte, fügte er schnell hinzu, dass er die Kleider, die ihm seine geschiedene Frau hinterlassen hatte, normalerweise nicht trüge, aber uns zuliebe eine Ausnahme machen würde.

Wir waren von seinem Humor und der lockeren Art, die er in einer sichtlich angespannten Situation bewies, so begeistert, dass wir ihn in die engere Bewerberauswahl nahmen. Und siehe da, bis dato arbeitet er in unserer frauendominierten Buchhaltungsabteilung, und alle Kolleginnen liegen ihm zu Füßen.

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