Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erhalten mehr Befugnisse

Mehr Befugnisse für Steuerberater

Von Susanna Sailer

Neues Berufsrecht verkürzt auch die Ausbildungszeit der Anwärter.

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer dürfen nun auch standardisierte Dienstverträge erstellen. Damit können sie erstmals Unternehmen in der Personalverrechnung im Sinne eines On-Stop-Shops durchgehend betreuen. Außerdem dürfen sie´ihre Klienten gegenüber der Finanzpolizei, in Verwaltungsstrafverfahren und vor dem Verwaltungsgerichtshof in Sozialversicherungsangelegenheiten vertreten. Dass das alles möglich ist, liegt am neuen Berufsrecht (WTBG 2017). Es regelt die für Wirtschaftsprüfer geltenden Rechtsvorschriften und ist seit 15. September in Kraft.

"Gleichzeitig wurde auch die Ausbildung zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer zeitgemäßer gestaltet", sagt Verena Trenkwalder, Landespräsidentin der Wirtschaftstreuhänder in Oberösterreich. So ist der Prüfungsantritt bei beiden Berufen jetzt früher möglich – und zwar nach 18 Monaten statt bisher drei Jahren.

Beste Karrierechancen

Noch eines ist neu: Wer Wirtschaftsprüfer werden will, muss nicht mehr zwingend die Steuerberater-Prüfung ablegen. Mit dem neuen Berufsrecht wurde die Möglichkeit für einen getrennten Zugang zu den beiden Berufsgruppen geschaffen.

Mit 745 Steuerberatern und 245 Wirtschaftsprüfern liegt Oberösterreich bundesweit nach Wien und Niederösterreich auf Rang drei. Die Branche benötige dringend weitere Steuerberater, sagt Trenkwalder. Es gäbe viele offene Stellen: "Alle, die hier eine gute Ausbildung durchlaufen, werden mit offenen Armen empfangen", meint die Landespräsidentin.

Interview mit Verena Trenkwalder

Verena Trenkwalder

 

karriere.nachrichten.at: Es gab Aufregung unter den Rechtsanwälten, die die Ausweitung der Befugnisse für Steuerberater kritisierten. Wie sehen Sie das?

Verena Trenkwalder: Die fachlichen Kompetenzen hatten wir bereits in der Vergangenheit. Immerhin sind wir diejenigen, die Lohnverrechnung machen. Wer etwas administrieren kann, kann es auch vertreten. Es gibt keinen Grund, warum wir in einem Verwaltungsverfahren bis zum Verwaltungsgerichtshof nicht genauso gut vertreten können. Das gilt auch für ein Strafverfahren, wenn es etwa um Lohn- und Sozialdumping geht. Mindestens so gut wie ein Anwalt, denn wir wissen, woher die einzelnen Zahlen kommen.

Mangelt es nicht am rechtlichen Wissen?

Nein. Wir sind immer schon ein rechtsberatender Beruf. Denn Steuerrecht ist Recht. Die Materien, die wir in der täglichen Praxis bearbeiten, wollen wir auch vor Verwaltungsbehörden und vor der Finanzpolizei vertreten können. Außerdem hat nicht jeder Klient immer einen Rechtsanwalt. Der Steuerberater kennt ihn, das Unternehmen und  die Prozesse. Unser neues Berufsrecht ist vor allem für Kleinunternehmer eine massive Vereinfachung. Wenn die Finanzpolizei vor der Haustür steht, ruft er wie selbstverständlich seinen Steuerberater an.

Gilt für Sie die Verschwiegenheitspflicht?

Selbstverständlich. Das ist das Kennzeichen eines freien Berufes, dass wir in Angelegenheiten unserer Mandanten zur umfassenden Verschwiegenheit verpflichtet sind. Das waren wir immer und wird auch strikt eingehalten. Genauso wie bei einem Rechtsanwalt, einem Apotheker oder einem Arzt.

Neue Befugnisse bedeuten wohl auch neue Prüfungsschwerpunkte?

Ja. Wir haben darauf reagiert. Unsere schriftliche Prüfung setzt sich mit Gesellschaftsrecht, Arbeits- und Sozialrecht und Insolvenzrecht auseinander. Zudem kommt auch das Erbrecht und Familienrecht vor.

Mehr Befugnisse, kürzere Ausbildungszeit - geht das?

Die Ausbildungszeit ist nur eine Spur kürzer. Neu ist, dass ein Anwärter zu den Prüfungen früher antreten kann. Drei Jahre Praxis bis zur Angelobung sind verpflichtend. Wenn jemand die Prüfungen sehr schnell durchzieht, kann er sich drei bis vier Monate an Zeit sparen. Die Prüfungen sind allerdings sehr intensiv. Davon gibt es nun außerdem drei statt bisher zwei. Die schriftlichen Prüfungen haben nun modernere Schwerpunkte. Themen aus der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, Organisation oder Datenverarbeitung haben wir entrümpelt. Dafür legen wir mehr Wert auf Arbeits- und Sozialrecht, Sozialversicherungsrecht, Finanzstrafrecht. Wir glauben, dass damit unsere Prüfung auf dem aktuellen Stand ist und unseren Bedarf angepasst. Daher glaube ich auch, dass die Praxiszeit ausreichend ist, um diesen Beruf richtig gut zu erlernen.

Wie hoch ist die Dropout-Rate?

Im Schnitt haben wir zwischen 40 und 60 Prozent negative Beurteilungen bei schriftlichen Prüfungen. Die Kriterien sind sehr streng.

Wie sehen Sie die Karrierechancen in diesem Beruf?

Extrem gut. In allen dem Rechnungswesen nahen Berufen sind die Karrierechancen hoch. Es steigen die administrativen und steuerrechtlichen Anforderungen. Es ist daher immer mehr der Fall, dass Unternehmen diese Agenden, die auch mit massiven Haftungen und strafrechtlichen Sanktionen verbunden sind, auslagern.

Werden Leute gesucht?

Ja, dringend. Das geht vom Lehrberuf Steuerassistenten bis zum Buchhaltern, Lohnverrechnern bis hin zu Berufsanwärtern. Man kann Lehre mit Matura machen, dann studieren und dann Steuerberater werden – es ist eine Bandbreite an Möglichkeiten.

Was ist spannend an diesem Beruf?

Wer ganz nah am Rechnungswesen ist, ist auch im Unternehmen ganz nah am Geschehen. Man sieht, wie sich unternehmerische Entscheidungen auswirken.

Die in OÖ vorhandenen 745 Steuerberater und 245 Wirtschaftsprüfer reichen nicht aus?

Sicher nicht. In Österreich sind wir bei 7500, vor zwei Jahren waren es 7000. Und das ist trotzdem noch zu wenig.

Worauf führen Sie das zurück?

Es fängt schon bei der Ausbildung an. Die Fächer Steuerrecht, Steuerlehre und Rechnungswesen werden von Studierenden nicht als sexy empfunden. Schaut man sich die Stelleninserate am Samstag durch, wieviel da gesucht wird im Bereich Rechnungswesen, Wirtschaftsprüfung, Steuerrecht. Das zeigt doch: wenn man dieses Metier macht und es wirklich ernst nimmt, hat man eine Garantie auf einen spannenden Job in einem angesichts der Digitalisierung sich laufend erneuernden Berufsbild.

Sie arbeiten neben Ihrer Tätigkeit als Landespräsidentin im Linzer Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG. Suchen Sie Mitarbeiter?

Ja, laufend. Wir haben sicher an die zehn freie Stellen.

Was muss man an Fähigkeiten mitbringen, wenn man Steuerberater werden will?

Es erfordert eine gewisse Disziplin, weil wir in unserem Beruf gewissen Normen und Fristen unterliegen. Es braucht die Freude am Kontakt mit Kunden und Kommunikation. Dieser Beruf macht definitiv das lebenslange Lernen unumgänglich. Ein Hang zu Zahlen und Gesetzen darf nicht fehlen. Trotzdem ist dieser Beruf sehr wohl kreativ, wenn es darum geht, für den Kunden die optimale Lösung zu finden. Es ist kein Beruf, bei dem jemand immer nur im stillen Kämmerlein sitzt und Zahlkolonnen ausrechnet. Buchhaltung ist viel mehr - etwa den Belegfluss des Kunden organisieren oder Material für ein gutes Reporting und Controlling auf die Beine stellen. Ich kann dem Kunden vielfältige Aufgaben abnehmen und ihm das Leben erleichtern, damit sich dieser auf sein Geschäft konzentrieren kann. Für mich stellt der Steuerberater eigentlich der ausgelagerte Finanzvorstand dar. Das ist der zukunftsweisende Weg.

 

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