Wenn die Lehrlinge zu Chefs werden
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Wenn die Lehrlinge zu Chefs werden

Von Martin Roithner

LINZ. 32 Lehrlinge leiteten für eine Woche eine Lidl-Filiale in Linz – worauf man dabei achten muss, und ob das Arbeiten ohne Chefs leichter fällt, erzählten sie den OÖN.

 "Gibt es heute gar keine Krapfen?" Die ältere Frau, die vor dem Regal mit Semmeln, Mohnflesserln und Kipferln steht, wirkt verwundert. Pia Spreitzer klärt sie auf. "Krapfen haben wir derzeit leider nicht im Sortiment. Es gibt ein Lieferproblem." Die Frau schüttelt ungläubig den Kopf, greift zur Brotzange, zieht zwei Kaisersemmeln aus dem Behälter, legt diese in ihren Einkaufswagen und geht weiter.

Situationen wie diese sind für Pia Spreitzer eine Ausnahme. Im Normalfall muss sie die Kunden nicht vertrösten. Spreitzer ist 22 Jahre alt, stammt aus Fischlham und ist Lehrling bei Lidl. Die vergangene Woche war eine besondere für sie: Gemeinsam mit 31 anderen Lehrlingen führte sie die Filiale in der Linzer Franckstraße. Die jungen Mitarbeiter kümmerten sich um alles, was sonst ihre erfahrenen Kollegen erledigen: Dienstplan einteilen, Regale befüllen, Ware bestellen, Obst sortieren, Brot backen, die Kassen bedienen und Kunden beraten.

"Die größte Herausforderung ist, auf nichts zu vergessen", sagt Jonathan Pirker. Der 20-Jährige wurde für eine Woche zum Chef. Alle hörten auf das Kommando des Kärntners. Sie arbeiteten im Schichtbetrieb: von 6 bis 13 bzw. von 13 bis 20 Uhr. "Man muss im Team Lösungen finden." Pirker absolviert sein viertes Lehrjahr, er macht Lehre mit Matura.

Das seien beste Voraussetzungen, um später einmal einen Betrieb zu leiten, sagt Christian Schug, Chef bei Lidl Österreich. "Wir bilden mit unserem Programm die Führungskräfte der Zukunft aus." Sechs Mitarbeiter aus dem Lehrlingsprojekt seien bereits zu Filialleitern aufgestiegen. Wie für viele Betriebe im Einzelhandel ist die Lehrlingssuche aber auch für Lidl schwierig. Schug: "Wir wollen heuer 75 Leute aufnehmen, haben aber erst 45 gefunden. Bei vielen scheitert es oft schon an Grundkenntnissen wie Lesen und Schreiben."

Pia Spreitzer betrifft das nicht. Sie ist zufrieden mit ihrer Lehrstelle: "Es macht Spaß mit den Kollegen." Augenzwinkernder Nachsatz: "Und ohne Chefs ist es auch ganz angenehm."

Das Projekt "Lehrlinge On Tour" von Lidl findet heuer zum sechsten Mal statt. Lehrlinge aus ganz Österreich übernehmen für eine Woche die Filialleitung. In Linz lief das Projekt von Montag bis heute, Samstag, an allen vier Standorten. In der Filiale in der Franckstraße mit 1274 Quadratmetern waren 32 Lehrlinge im Einsatz.Der Diskonter betreibt 30 Filialen und ein Logistikzentrum in Oberösterreich. Im Geschäftsjahr 2016 investierte das Unternehmen laut eigenen Angaben rund 100 Millionen Euro, davon neun Millionen Euro in Oberösterreich.Derzeit beschäftigt Lidl in Oberösterreich rund 750 Mitarbeiter und bildet zwölf Lehrlinge aus.Der Konzern ist ein Tochterunternehmen der deutschen Schwarz-Gruppe, zu der auch Kaufland gehört.Lidl hat 11.250 Filialen in 28 Ländern weltweit.

 

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