Im weißen Mantel auf dem Kepler-Campus
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Im weißen Mantel auf dem Kepler-Campus

Von Verena Gabriel

LINZ. Jessica Kovacsik und ihre 41 Studienkollegen sind die allerersten Linzer Medizinstudenten – nach vier Semestern in Graz setzen sie ihr Studium an der Johannes-Kepler-Uni fort.

"Wie ein Museumsobjekt" fühlt sich Jessica Kovacsik an der Johannes Kepler Universität in Linz. Wenn die 20-Jährige erzählt, dass sie dort Medizin studiert, wird sie erst einmal mit großen Augen angesehen. Ihre Umhängetasche beschert der Studentin ebenso fragende Blicke (siehe Bild oben). Kein Wunder – außer ihr und ihren 41 Studienkollegen trägt sonst niemand das Innere einer menschlichen Hand mit sich herum.

"In Graz hatte jeder so eine Tasche, in Linz fällt man sofort damit auf", sagt Kovacsik, die die ersten vier Semester an der Medizinischen Universität in Graz hinter sich gebracht hat. Doch das ist abgehakt. Die Traunerin wird ihr Studium in ihrer Heimat abschließen, als Teil des ersten Medizin-Jahrgangs der Kepler-Universität. "Ich will unbedingt zu den ersten Medizinern mit einem Abschluss in Linz gehören", sagt die Studienvertreterin.

Arztkittel statt Anwaltsrobe

Ärztin zu werden hatte die 20-Jährige lange nicht im Sinn gehabt. Anwältin war der ursprüngliche Plan. Obwohl Kovacsik ein Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt besucht hatte, wurde das Medizinstudium erst im Maturajahr zum Thema: "Vom einen auf den anderen Tag hab’ ich mir gedacht, ich will Psychiaterin werden", sagt sie.

Ihre Lehrer am Gymnasium in Traun unterstützten die Schülerin mit polnischen Wurzeln bei der Vorbereitung zum Aufnahmetest. Und es klappte beim ersten Anlauf. Gleich nach der Matura übersiedelte Kovacsik in die steirische Landeshauptstadt, um Medizin zu studieren. Dort bezog sie eine eigene Wohnung, knüpfte neue Freundschaften – und scheiterte bei nahezu allen Prüfungen. "Am Anfang habe ich den Lernaufwand unterschätzt", sagt die angehende Ärztin. Doch sie ließ nicht locker und drückte nebenbei die Schulbank in Traun. Durch die Nachhilfestunden in Mathematik und Physik ging der Studentin ein Licht auf: "Danach habe ich alle Prüfungen sofort bestanden."

Nie wieder pendeln

Die Besuche in ihrer alten Schule waren für Kovacsik nicht der einzige Anlass, um jede Woche zwischen den Landeshauptstädten zu pendeln: "Ich hab’ damals eine Schwester bekommen." Mittlerweile ist die Kleine zwei Jahre alt, und ihre große Schwester Jessica wieder zu Hause. Es sei "sehr gewöhnungsbedürftig", wieder mit den Eltern unter einem Dach zu leben. Doch das nimmt die Traunerin gerne in Kauf: "Nie wieder pendeln!" Ganz erspart bleibt ihr die Fahrt nach Graz nicht: "Wir haben dort einmal im Monat einen Stammtisch." Auch wenn Graz "viel mehr Studentenstadt" sei, kommt das Campusleben in Oberösterreich nicht zu kurz: Auf ihrem ersten Mensafest gaben sich die Medizinstudenten mit einer "Shot"-Bar, OP-Masken und Medizinerhandschuhen zu erkennen.

Jessica Kovacsik freut sich, wenn sie Studenten aus anderen Studienrichtungen um sich hat: "In Graz waren wir Mediziner unter uns." Schade findet sie, dass alle ihre Vorlesungen in der Innenstadt, abseits des Kepler-Campus, stattfinden. Der medizineigene Life-Science-Park in der Nähe der Gruberstraße wurde vor gut drei Wochen eröffnet. Seither steht das nagelneue Gebäude den Medizinstudenten zur Verfügung. Laut Kovacsik würden es viele gut finden, direkt in der Stadt zu sein.

"Ausflüge" an die JKU kommen selten vor – es sei denn, man ist wie Jessica Kovacsik in der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) vertreten. Dadurch hat die 20-Jährige bereits viele Kontakte zu anderen Studienrichtungen geknüpft und gemerkt, dass alle unterschiedlich ticken: "Die anderen finden es ekelhaft, über Blut und Leichen zu reden. Für uns Mediziner ist das ganz normal – auch beim Essen."

Nachteil: Keine Alt-Fragen

Nach den ersten Wochen in Linz sind die Medizinstudenten begeistert: "Alle sind sehr bemüht um uns", sagt Kovacsik. Ein Nachteil als erster Jahrgang sei jedoch, dass es keine alten Prüfungsfragen oder Mitschriften von Vorgängern gibt.

Was das betrifft, werden die Nachfolger von Kovacsik und Co. leichteres Spiel haben. Und vielleicht fallen Umhängetaschen wie die von Jessica auf dem Campus der Johannes Kepler Universität schon bald gar nicht mehr auf.

Das Medizinstudium in Linz

2014 fand der erste Aufnahmetest für die Medizinische Fakultät der Johannes Kepler Universität statt. 60 Bewerber wurden aufgenommen. 42 von ihnen haben die ersten vier Semester, das Vorklinikum, an der Medizinischen Universität in Graz abgeschlossen. Nun führen sie ihr Studium in Linz fort.

Am 3. Oktober begrüßte sie Vizerektorin Petra Apfalter bei ihrer ersten Vorlesung im neuen Life Science Park in der Nähe der Linzer Gruberstraße. Eine Woche zuvor waren die Studenten des ersten Jahrgangs feierlich in der Landeshauptstadt empfangen worden und hatten ihre weißen Mäntel bekommen.

Heuer wurde der dritte Medizin-Aufnahmetest in Linz mit 596 Bewerbern durchgeführt. Erstmals wurden nicht 60, sondern 120 Bewerber aufgenommen. 61 Prozent von ihnen sind Frauen, 76 Prozent aller Aufgenommenen kommen aus Oberösterreich. Im Jahr 2028 soll es in Linz 1800 Medizinstudenten geben.

Die ersten Forderungen nach der Errichtung einer „Medizinischen Hochschule“ in Linz datieren aus dem Jahr 1894.

 

 

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