Weiterbildung nach Feierabend
Bild: Arbeitspsychologin Birgitt Espernberger

Lernen neben dem Job: So kann's gut gehen

Wer sich neben dem Beruf fortbilden möchte, braucht ein sehr hohes Maß an Selbstorganisation und ein gutes Zeitmanagement. Die Arbeitspsychologin Birgitt Espernberger gibts Tipps:

Der Wunsch nach beruflicher Veränderung oder Weiterentwicklung gibt oft den Ausschlag, ein berufsbegleitendes Studium oder eine Fortbildung in Angriff zu nehmen. Doch Job und Weiterbildung zu verbinden ist keine einfache Aufgabe.

Birgitt Espernberger, Leiterin der Arbeits- und Organisationspsychologie am ASZ (Österreichs erstes Zentrum für Prävention in der Arbeitswelt), zum Thema Doppelbelastung Weiterbildung und Beruf:

Was muss ich bedenken, bevor ich mich für eine berufsbegleitende Weiterbildung entscheide?

"Grundsätzlich sollte ich mir überlegen: Wie viele Zeitressourcen habe ich, wie passt die Weiterbildung in meine aktuelle Lebensplanung? Außerdem sollte man darüber nachdenken, welche Fähigkeiten man mitbringt und wo die eigenen Interessensschwerpunkte liegen.

Und dann ist da die wichtige Frage nach dem Warum. Warum möchte ich diese Weiterbildung machen? Es gibt verschiedene Gründe, von der Selbstbestätigung bis hin zur beruflichen Weiterentwicklung. Meist steht gar nicht einmal der Wunsch nach mehr Gehalt im Vordergrund. Viel stärker und nachhaltiger wirkt die sogenannte ,intrinsische´ Motivation, also jene, die aus einem selbst entsteht (z.B. Neugierde oder Interesse an einem neuen Wissensgebiet). Diese trägt einen auch über Hürden hinweg. Es macht natürlich einen Unterschied, welche Art der Weiterbildung man plant: ist es ein Kurs über wenige Monate hinweg oder ein berufsbegleitendes Studium? Als Nächstes gilt es, sich Studienpläne runter zu laden, Zeiteinheiten und Ausbildungspläne anzusehen und zu hinterfragen: wie weit ist das machbar? Bildungsmessen können bei der Orientierung helfen."

Wie sieht ein "optimales" Zeitmanagement aus?

"Ich würde eher von Selbstmanagement sprechen. Darunter fällt eben auch das Zeitmanagement. Aber es steckt noch mehr dahinter, es geht darum: wie manage ich mich selber? Es kann helfen, ein Zeit-Tagebuch zu führen, um Zeit-Räuber aufzuspüren. Man sollte bei der Planung beachten, nicht mehr ,hineinzustopfen´, als möglich ist. Wichtig ist es, Zeitpuffer einzuplanen und Priorisierungen vorzunehmen.

Außerdem sollte man die Ansprüche an sich selbst hinterfragen: Muss ich lauter gute Noten schreiben? Müssen alle Aufgaben immer perfekt erledigt werden? Unwichtige Teilaspekte einer Aufgabe sollen erkannt und können anschließend eliminiert werden. Und man darf delegieren. Dabei ist es wichtig, auch mal hinzunehmen, dass eine andere Person die Aufgabe vielleicht nicht sofort so erledigen wird, dass es zu 100 Prozent den eigenen Ansprüchen genügt und auch akzeptieren, dass andere Menschen eine andere Herangehensweise haben als man selbst. Aber nach einer gewissen Lernphase, in die man vielleicht etwas mehr Zeit investieren muss, wird es sich lohnen und führt zu einer Entlastung. Privat und beruflich muss man Grenzen setzen und NEIN sagen können. Das fällt vielen schwer. Doch man kann es lernen."

Wie können Familie und Freunde unterstützen?

"Ich sollte mir bewusst machen: Ich bin für mich selber verantwortlich. Das ist sehr wichtig. Man kann nicht immer von anderen erwarten, dass sie so agieren, wie man selber das möchte. ICH bin eigenverantwortlich und muss mir den Rahmen schaffen, den ich brauche. Natürlich darf und soll ich Unterstützung einfordern, aber nicht davon ausgehen, dass diese immer von alleine angeboten wird."

Welche Voraussetzungen braucht es von Seiten des Arbeitgebers?

"Grundsätzlich sind flexible Teilzeitmodelle optimal – und das Eingehen auf individuelle, variable Bedürfnisse des Lernenden. Das ist natürlich für das jeweilige Unternehmen schwierig, da bestimmte Aufgaben abzuarbeiten sind und die Mitarbeiter verfügbar und planbar sein müssen. Wichtig ist eine gute Absprache zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Man sollte versuchen, den Arbeitgeber, soweit es möglich ist, mit einzubinden. Ihm auch die Vorteile der Ausbildung klar zu machen und gemeinsam mit ihm die Sinnhaftigkeit der Weiterbildung für das Unternehmen zu hinterfragen. Unterstützend wirkt natürlich, wenn der Arbeitgeber an meiner Fortbildung Interesse zeigt und mein Engagement wertschätzt. Mögliche finanzielle Aspekte wirken meist nur kurzfristig."

Wie schaffe ich es, motiviert zu bleiben?

"Man sollte sich selbst Ziele setzen und formulieren; am besten schriftlich, um Klarheit und Verbindlichkeit herzustellen. Dabei sollte man auch Teil-Ziele festlegen, die erreichbar sind. Alles, was wir verschriftlichen, bleibt besser hängen. Auch ein Erfolgstagebuch macht Sinn, um zu sehen: was habe ich bereits geschafft. Man kann sich zur Inspiration auch Bilder aufhängen, die einen daran erinnern, wo man hin möchte (zum Beispiel von der Sponsion oder von Diplomen und Prüfungsergebnissen). Wichtig ist es, sich klare Deadlines zu setzen. Die guten, alten To-Do-Listen sind nach wie vor aktuell. Und das Belohnen ist wichtig. Solche Belohnungen sollte man sich bewusst überlegen. Zum Beispiel: wenn ich diese Prüfung schaffe, treffe ich mich mit Freunden, gönne mir etwas Gutes. Man sollte sich Auszeiten schenken und diese vorab festlegen."

Woran erkenne ich, dass die Doppelbelastung zu viel wird?

"Bei längerer berufsbegleitender Weiterbildungen kann es passieren, dass man nach erfolgreichem Abschluss in ein Loch fällt – neue Perspektiven und Ziele müssen überlegt werden. Wenn die Stressphase vorbei ist, in der der Körper auf Höchstleistung eingestellt war, kann es zur Krise kommen. Darum sind Regenerationsphasen so wichtig. Warnsymptome sind z.B. eine gesteigert Aktivität sowie das Gefühl, unentbehrlich zu sein. Nimmt das überhand, muss dies zwar nicht gleich zur Erschöpfung führen – aber es kann bereits eine Warnung sein. Ebenso wie die Verleugnung eigener Bedürfnisse, das Übersehen eigener Grenzen und die Vernachlässigung privater Kontakte. Auf der körperlichen Ebene sind die Warnsymptome natürlich: Reizbarkeit, Magen- und Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen. Dann muss ich dringend etwas ändern und vor allem: entschleunigen."

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