Bild: mini // Johannes Atteneder war zu seiner Lehrzeit der einzige Schuster-Lehrling Oberösterreichs. Das Handwerk hat er selbstverständlich von seinem Vater im elterlichen Betrieb erlernt.

Ein Schuster bleibt bei seinem Leisten

Von Stefan Minichberger

Willibald Atteneder ist einer der letzten Schuhmacher- Meister in Oberösterreich. Während anderswo das Handwerk langsam ausstirbt, geht die Schuhmacherei Atteneder in der Waltherstraße in Linz jetzt sogar digital in die Zukunft.

Es ist einer der letzten Schuhmacherbetriebe des Landes. Doch Willibald Atteneder dachte nie ans Aufhören.
Er ist ein Schuster aus Leidenschaft. Vor 20 Jahren hat er seinen Betrieb gegründet, als er die Schuhmacherei in der Waltherstraße übernahm.

Gelernt hat Meister Atteneder bei seinem Vater in Unterweitersdorf. Sein Bruder betreibt dort in mittlerweile vierter Generation ein Schuhgeschäft. Vor 140 Jahren habe der Urgroßvater mit der Schuhmacherei begonnen. „Unsere Familie ist seit Generationen mit Schuhen beschäftigt“, sagt er. Und das bleibt auch so.

Seit neun Jahren arbeitet Atteneders jüngerer Sohn Johannes im Betrieb mit. Der 23-Jährige hat ebenfalls die Schusterlehre absolviert, im elterlichen Betrieb versteht sich. Johannes Atteneder erlernte damit ein heute selten gewordenes Handwerk. Zur Zeit seiner Ausbildung war er der einzige Schuhmacherlehrling Oberösterreichs. Zur Berufsschule musste er nach Schrems auspendeln. Mittlerweile ist er Geselle.

Eine abwechslungsreiche Arbeit

Was den Atteneders an ihrer Arbeit gefällt? „Auch wenn sich alles um Schuhe dreht, die Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen“, sagen sie unisono. Es mache Freude, aus einem kaputten Schuh ein schönes Produkt zu machen. Man müsse gleichzeitig handwerklich geschickt und kreativ sein. „Und es ist eine angenehme Abwechslung, Kunden im Geschäft zu betreuen und dann in der Werkstatt am Produkt zu arbeiten“, sagt Willibald Atteneder.

Die Werkzeuge, die sie bei den Reparaturen verwenden, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nur wenig verändert. Was sich verändert hat, sind die Werkstoffe. „Heute wird viel mehr geklebt, bei fast 95 Prozent der Schuhe ist das der Fall. Früher ist viel mehr genäht und auch genagelt worden“, sagt Johannes Atteneder. In der Vergangenheit sei der Job deshalb auch körperlich fordernder gewesen. „Da hat man auch Blasen an den Händen bekommen, wenn man mitdem Draht genäht hat.“
Der Beruf sei beispielsweise abwechslungsreicher als der einer Schneiderin, die fast ausschließlich an der Nähmaschine sitzt. „Fließbandarbeit wäre zum Beispiel absolut nichts für mich“, sagt Willibald Atteneder. 

Doch weshalb gibt es heutzutage kaum mehr jemanden, der das Schusterhandwerk erlernt?

„Das ist ein Teufelskreis. Den Anfang nahm aber sicherlich der Niedergang der Schuhindustrie in Oberösterreich“, sagt Willibald Atteneder. Vor 30 Jahren habe es alleine Linz noch fünf Schuhfabriken gegeben. „Dementsprechend waren Fachkräfte gefragt.“ Heute gebe es dagegen nur noch drei Schuster in der Landeshauptstadt und die Nische der Orthopädie-Schuhmacher. „Mit dazu kommt, dass das Bewusstsein, Schuhe reparieren lassen zu können, über die Jahre  nahezu verloren gegangen ist, weil ein Schuh heute nicht mehr viel kostet“, sagt Meister Atteneder. „Mehr als 95 Prozent der Menschen werfen deshalb einen kaputten Schuh weg.“

60 Prozent sind Stammkunden

Doch wie kann sich dann in der heutigen Zeit ein Schusterbetrieb überhaupt über Wasser halten? „Wir haben uns einen guten Namen gemacht“, sagt Willibald Atteneder stolz und dennoch bescheiden. „60 Prozent unserer Kundschaft sind Stammkunden.“ Auch ein Schuster muss mit der Zeit gehen.
Atteneder junior hat das Geschäft vergangenes Jahr digital ausgebaut. „Wir haben auf www.schusterei.at eine
Online-Plattform erstellt, auf der man unsere Dienstleistungen auch online bestellen
kann“, sagt Johannes Atteneder.
Es funktioniert ganz einfach: „Man kann die Art der Reparatur auswählen oder uns auch ein Foto des Schuhs schicken“, erklärt er. Dann könne man den Kunden auch angemessen beraten. Der Kunde müsse dann lediglich den Weg zur Post auf sich nehmen, um den Schuh zu verschicken. „Die Leute sind heute eben im Internet und auf Facebook. Wir haben uns gedacht, dass man heute alles über Internet bestellen kann. So müsste das doch auch bei einer Schuhreparatur möglich sein“, sagt Johannes Atteneder.

Mit dem Internet-Service können sich viele Kunden lange Anfahrtswege sparen. Das Service ist gut angelaufen. Der Kundenstamm konnte stark vergrößert werden.  „30 Prozent unserer Kundschaft nützt dieses Service“, sagt Atteneder. Ohnehinn wittern die Atteneders Morgenluft. „Es kommt wieder in Mode, Sachen länger zu behalten und nicht wegzuwerfen. Gerade die Jungen haben viel Verständnis dafür“, glaubt Atteneder. So müsse man den Menschen ins Bewusstsein rufen, dass auch Schuhe reparabel sind. „Das meiste sind Kleinstreparaturen und die kosten zwischen 15 bis 35 Euro. Größere Reparaturen können aber auch schon mal mehr als 100 Euro kosten.“

Für die Eigenproduktion fehlt Zeit

Bis vor einigen Jahren hat Willibald Atteneder Schuhe auch selbst maßgefertigt produziert. „Das würden wir immer noch gerne machen, doch leider lässt das die Zeit nicht zu“, bedauert Atteneder. Es sei eine schöne Aufgabe, aus einem Stück Leder einen fertigen Schuh zu kreieren. Gleichzeitig sei es aber sehr aufwendig und schwierig. „Wir haben viele Anfragen, aber mit den Arbeits- und Materialkosten käme ein handgefertigter Schuh auf etwa 1000 Euro, und das ist fast niemand bereit, zu bezahlen.“

So haben die Atteneders beschlossen, Schuhe des belgischen Herstellers Ambiorix in ihrem Geschäft zu verkaufen. „Das sind maßgefertigte Schuhe, die mit einer Qualität hergestellt werden, die wir vertreten können“, sagt Johannes Atteneder. Allerdings werden die Schuhe nicht wie in anderen Schuhgeschäften aus dem Regal gekauft. „Die Schuhe werden probiert, vermessen und im Anschluss in Belgien maßgefertigt produziert, ehe sie zugestellt werden.“

Die Atteneders sind mit dem Reparieren von Schuhen gut ausgelastet. Der Senior ist froh, dass auch sein Sohn den Beruf gewählt hat. „Das sind heute sehr viele Einzelkämpfer, die das noch machen.“ So sei es fast unmöglich, Mitarbeiter zu finden. „Dabei wäre es ein großer Wunsch von uns, einen guten Lehrling auszubilden.“ Was der für die Arbeit mitbringen muss: „Er muss motiviert sein und einfach Lust auf Arbeit haben“, sagt Meister Atteneder.

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