"So kann man es sich versauen"
Bild: HighwayStarz

"So kann man es sich versauen"

Von Julia Evers

Raus aus der Windelwelt – und dann? Katrin Wilkens sucht für Mütter den passenden Beruf

Wenn die Ringelröteln des Kindes keine Rücksicht auf die Dienstreise der Mutter nehmen – nicht nur dann sind "Wiedereinstieg" und "Vereinbarkeit" zwei Schlagwörter, die sich für Frauen unangenehm mit Leben füllen. Die 48-jährige Hamburgerin Katrin Wilkens hat es zu ihrem Beruf gemacht, Mütter auf der Suche nach dem passenden Beruf zu beraten. Das Ergebnis von mehr als 1000 solcher Beratungen hat sie jetzt in "Mutter schafft" (Westend Verlag, 18 Euro) als Buch veröffentlicht.

karriere.nachrichten.at: Es ist nicht das Kind das nervt, es ist der Job, der fehlt – wie kommen sie zu diesem Befund?

Katrin Wilkens: Das ist ein Gefühl, das viele Frauen nach der Babypause beschleicht – im Alter zwischen 35 und 45, nach dem sie sehr intensiv damit beschäftigt waren, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Dann sind die Kinder aus dem Gröbsten raus und man überlegt: Was mache ich jetzt?

Warum passt das Arbeitsleben oft nicht mehr zu den Bedürfnissen von Eltern?

Das hakt manchmal an der Besprechung, die zu spät angesetzt ist, das hakt manchmal an den sehr dichten Jahren, in denen beide, Vater und Mutter, versuchen, ihre Karriere voranzubringen und es einfach nicht möglich ist, dass beide voll arbeiten. Und manchmal hakt es auch an unserem eigenen sehr hohen, zu hohen Anspruch, wir müssen brennen für das, was wir machen – so kann man es sich versauen. Die größte Herausforderung ist die derzeitig kulturelle Vergottung des Jobs.

Dieser Wunsch zu brennen…

Im Brennen liegt manchmal auch das Verbrennen. Die meisten Mütter brennen schon für die Kinder. Ob das sofort auch immer ein Halbtags-Brennen für den Job sein muss, das müsste man hinterfragen. Ich finde, es reicht, wenn man den Job, den man macht, gut und gerne und in einem netten Team macht und außerdem das Geld stimmt.

Wie steht es um die gesellschaftlichen Erwartungen?

Mütter sind wirklich in einer ganz schwierigen Zwickmühle. Arbeiten sie nicht, sind sie Glucken, arbeiten sie, sind sie Rabenmütter. Alle anderen meinen, sich in diesen ganz intimen Moment der Entscheidung einmischen zu müssen. Arbeit macht Spaß. Mütter arbeiten meist ganz viel, aber bekommen keine Wertschätzung. Welches Kind setzt sich an den Tisch und sagt "Danke Mama, dass du das Bio-Risotto gekocht hast?". Wenn man dann einen Ort findet, die Arbeit, wo man sich diese Wertschätzung abholt, und zwar per Gehaltsscheck, kann das eine große Befriedigung sein. Es geht oft darum, ein Gegengewicht zur Familie zu schaffen.

Wie schaut das konkret aus, wenn Frauen ein neues Betätigungsfeld finden?

Wir hatten eine Kundin, die war im Finanzwesen einer Bank und hat dann nur die Fronten gewechselt: Sie ging zur Schuldenberatung. Eine Lehrerin, die es satt hatte, sich mit Helikopter-Eltern herumzuschlagen, blieb Lehrerin – aber ging an eine Abendschule, weil dort der Anteil der Selbstständigen und Ehrgeizigen hoch ist. Und tatsächlich auch so verrückt ist unser Job: Wir hatten mal eine Kundin, die als Escort-Service unterwegs war und danach etwas Bürgerliches suchte. Sie wurde Stewardess. Auch körperlich nah, menschenintuitiv und ab und zu mit dem, was man ‚menschlich, allzu Menschliches‘ nennt. Diese Frau hat später im Flugzeug nichts mehr geschockt.

Katrin Wilkens:

Kathrin Wilkens

"Die größte Herausforderung ist die derzeitige kulturelle Vergottung des Jobs:"

Kartin Wilkens, ehemalige Journalistin, hat mehr als 1000 Menschen auf der Suche nach dem passenden Job begleitet