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Der Bewerbungskrimi

Barbara Yiangou, Personaldienstleistung, rund 1.300 Mitarbeiter

An und für sich kann ich von mir behaupten, über eine sehr gute Menschenkenntnis zu verfügen. Irren ist jedoch menschlich, wie folgende Geschichte beweist.

Ein Telekommunikationsanbieter hatte mich beauftragt, eine/n Shop-MitarbeiterIn zu rekrutieren. Dazu muss man sagen, dass es sich dabei nicht um eine klassische Einzelhandelsposition handelte, bei der man nur an der Kassa sitzt, sondern um aktiven Verkauf, Beratung, Kundenbetreuung und natürlich auch um Reklamations- und Beschwerdemanagement.

Bereits der erste Bewerber war mir überaus sympathisch, und ich war davon überzeugt, den Richtigen für die besagte Position gefunden zu haben. Beim Telefonscreening war er sehr begeistert sowie im persönlichen Gespräch überaus bemüht und überzeugend. Er betonte mehrmals, wie gut er mit Kunden umgehen könnte, wie kommunikativ, belastbar und stressresistent er wäre.

Augen auf bei der Berufswahl

Als ich gegen Ende des Bewerbungsgesprächs die Rahmenbedingungen wie Gehalt, Arbeitszeiten etc. mit ihm durchging, kamen wir auch zur Frage, ob es bei ihm zeitliche Einschränkungen gäbe. Die Antwort lautete: Ja, jeden Dienstag und Donnerstag müsste er spätestens um 18:00 Uhr den Shop verlassen. Mein erster Gedanke war, dass er eine Abendschule besuchte, und ich war hin und weg vor Begeisterung über so viel Ehrgeiz. Als ich genauer nachfragte, erwiderte er: „Naja, da habe ich immer meine Therapie.“

Wird vermutlich eine Physiotherapie sein, dachte ich. Was dann weiter folgte, war allerdings überraschend. Mit herzerfrischender Offenheit erzählte der Bewerber, dass ihn ein Richter dazu verdonnert hätte, zweimal in der Woche zur Aggressionsbewältigungstherapie gehen zu müssen. Er wäre zwar ein gutmütiger Mensch, schlüge jedoch gerne mal zu, wenn er zu sehr gereizt würde. Meine anfängliche Begeisterung schmolz dahin wie Schnee im Frühling.

Wie konnte er sich nur um eine Stelle mit laufendem Kundenkontakt bewerben? Der Kundenkontakt erfordert einerseits Geduld, andererseits Vermittlungsgeschick und bringt mit Sicherheit genervte, herausfordernde und oftmals auch anstrengende KundInnen mit sich.

Prügeleien im Shop

Mein Gegenüber jedoch hatte sichtlich nicht die geringsten Bedenken. Seelenruhig gab er von sich: „Ich bemühe mich immer, nicht auf die Kunden loszuschlagen, das können sie mir glauben. Aber ich kann mich einfach nicht beherrschen, wenn jemand besonders lästig ist.“

Ich hatte Visionen von wilden Prügeleien im Shop, von Polizeisirenen und flüchtenden Kunden. Fieberhaft begann ich zu überlegen, wie ich diesen Kandidaten loswerden könne, ohne ihn zu reizen. Wider Erwarten verabschiedete er sich ohne weitere Komplikationen.