Stärken und Mankos, die die Krise zu Tage förderte
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Stärken und Mankos, die die Krise zu Tage förderte

Von Susanna Sailer

"Wir haben mit Homeoffice nicht den Stein der Weisen gefunden", meint Unternehmensberater Oliver Suchocki

Der Wiener Unternehmens- und HR-Berater Oliver Suchocki, der in Oberösterreich viele Großkunden betreut, hat sich in der Unternehmenslandschaft umgehört, wie Führungskräfte und Mitarbeiter mit der Zeit des Shutdowns umgingen. "Die Verschiedenartigkeit hat mich überrascht", sagt er.

Suchocki weiß von Vorständen zu berichten, die zu ihren Mitarbeitern nach Hause fuhren, um diese mit Laptops zu versorgen. "Das sind echte Kapitäne, die am Steuer durch die Krise navigieren. Sie spulen nicht nur das Geschäftliche ab, sondern vergessen auch das Emotionale nicht", sagt der Gründer von Suchocki Executive Search. Er kenne jedoch auch Führungskräfte, die erst in der fünften Woche des Shutdowns einen Austausch via Video anboten, um sich für die sechste oder siebente Woche zu überlegen, wie sie ihre Kunden anschreiben. Suchocki: "Das Fieberthermometer wird erst im Herbst anzeigen, wie es diesen Unternehmen dann wirtschaftlich geht."

Der fehlende Plan B

Der Unternehmensberater setzt mit einer weiteren Metapher in Sachen Leadership nach: "Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute ohne Badehose ins Meer gingen und jetzt, da das Wasser verschwindet, schauen, wie sie dastehen." Seiner Ansicht nach haben viele Unternehmer keinen Plan B und seien somit nicht fähig, zu diversifizieren. "Die sind einfach stehen geblieben. Da wird sich die Streu vom Weizen trennen", befürchtet Suchocki.

Auch auf Ebene der Mitarbeiter gab es Überraschungen, etwa wie sich "Seniors" gegenüber den "Millennials" bewährten. Suchocki: "Ich weiß von Leuten, die die vergangenen zwei bis drei Jahre nicht im Vordergrund standen, ja sogar aus verschiedenen Gründen ins Eck gespült wurden. Doch in der Krise waren sie es, die in der Organisation Ruhe ausstrahlten." Ihre Erfahrungen etwa aus Zeiten der Weltfinanzkrise konnten jene Leute nun positiv einbringen. Sie stellten die richtigen Fragen, setzten die richtigen Maßnahmen um und waren Wissensträger, die den Jüngeren halfen. Andererseits gab es junge Mitarbeiter, die zwar keine Probleme mit technischen Dingen hatten, deren Arbeitskraft im Homeoffice aber gelitten hat.

Gescheiterter Rückholversuch

"Wir haben mit Homeoffice nicht den Stein der Weisen gefunden, auch wenn viele sich vorstellen können, nur noch von daheim aus zu arbeiten", meint der HR-Berater. Ihm ist der Fall eines Unternehmens bekannt, das vor zwei Wochen in einer sanften Rückholaktion versuchte, 140 seiner 600 Beschäftigten wieder in den Betrieb zu holen. "Nur sieben von ihnen erschienen", weiß Suchocki.

Dabei ist nicht jeder auf Dauer für Homeoffice geeignet. Es gebe eine Vielzahl an Mitarbeitern, die eine Bürostruktur samt Ansporn, Zuspruch und Blickkontakt brauchen. Auch gemeinsame Kaffeepausen seien befruchtend. All das gehe bei Video-Meetings verloren. Suchocki: "Wir werden ein Hybrid-modell brauchen, ein komplexes System der Zusammenarbeit."

Doch welche Fähigkeiten werden Mitarbeiter in und nach der Coronakrise benötigen? "Wer jetzt noch nicht aufgewacht ist und versteht, dass er sich im Selbststudium mit Videotools und anderen digitalen Kompetenzen auseinander setzen muss, wird es nicht mehr schaffen", ist Suchocki überzeugt. "Es gibt immer noch Menschen, die sich jede E-Mail ausgedruckt in einer Postmappe vorlegen lassen. Das wird’s nicht mehr spielen."

Sich selbst besser managen

Weiters brauche es künftig ein höheres Maß an Flexibilität und die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren. Selbstmanagement gewinne an Bedeutung. Es gelte viel mehr als bisher, auf sich selbst zu achten und die für sich passenden Ventile zu finden, um Stress abzubauen.

Ohne Teamfähigkeit und Teamgeist werde es in Zukunft ebenfalls nicht mehr gehen. Suchocki: "Nur diejenigen, die zusammenrücken, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, werden erfolgreich sein."

Oliver Suchocki, Unternehmens- und HR-Berater:

Stärken und Mankos, die die Krise zu Tage förderte

"Es gibt immer noch Menschen, die sich jede E-Mail ausgedruckt in einer Postmappe vorlegen lassen. Das wird’s nicht mehr spielen."