Christoph Woboril
Bild: Christoph Woboril: "Vermeidung stabilisiert die Angst, erhält sie aufrecht."

Wenn die Angst kommt

Am 10. Oktober findet der internationale Tag der seelischen Gesundheit statt. Wir haben uns mit dem Thema soziale Ängste befasst und mit dem Psychologen Christoph Woboril darüber gesprochen.

Nervosität, nasse Hände und Herzrasen vor einem wichtigen Kundentermin oder Meeting – das kennt jeder. Für Menschen mit einer sozialen Angststörung aber kann der normale Arbeitsalltag schnell zur psychischen und physischen Extremsituation werden. Wir haben mit dem Psychotherapeuten und Psychologen Mag. Christoph Woboril über die Thematik gesprochen. In seiner Praxis in Linz Leonding bietet er unter anderem Gruppen- und Einzelbehandlungen zu sozialen Ängsten an (www.woboril.at).

Was versteht man unter einer sozialen Angststörung und anhand welcher Symptome äußert sie sich?

Christoph Woboril: Menschen mit sozialen Ängsten fürchten sich vor Situationen, in denen sie der Bewertung durch andere ausgesetzt sein könnten. Sie befürchten, als merkwürdig oder peinlich empfunden zu werden. Körperliche Symptome können sein: Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Verdauungsprobleme und Harndrang. Häufig sind Betroffene sehr selbstkritisch und leiden unter einem verzerrten, negativen Selbstbild. Sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich kann es zu einem starken Leidensdruck kommen. Oft besteht schon Tage vor einer Präsentation oder einem Gespräch mit dem Vorgesetzten große Angst. Angstbesetzte Situationen werden häufig vermieden. Eine Vermeidung aber stabilisiert die Angst. Eine weitere Folge kann sein, dass Betroffene vermeiden, eine Gehaltsverhandlung zu führen oder sich für eine bessere Position bzw. in einem anderen Unternehmen zu bewerben. So verzichten sie auf Optimierungen ihrer beruflichen Situation. Auch eine erhöhte Arbeitsbelastung kann entstehen, da Betroffene häufig schwer Nein sagen können.

Welche Ursachen kann eine solche Angststörung haben?

Es gibt verschiedene Risikofaktoren für die Entstehung einer sozialen Angsterkrankung. Dies können Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit oder überhöhte Ansprüche an sich selbst sein, aber auch negative Denk-Stile. Häufig gibt es auch traumatisierende Auslöser wie ein Referat in der Schulzeit, bei dem sich andere über einen lustig gemacht haben, oder generell Mobbing-Erfahrungen.

Wie weit verbreitet sind solche Angststörungen?

Generell kann man sagen, dass Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören. Eine genaue Angabe zur Häufigkeit variiert aber von Studie zu Studie. Sie ist unter anderem deshalb schwer festzumachen, da die Intensität der Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann.

Erkennt man eine Angststörung bei seinen Mitmenschen sofort?

Wenn sich ein sozial ängstlicher Mensch mit einer für ihn schwierigen Situation konfrontiert, kann es sein, dass er unsicher oder nervös auf andere wirkt. Oft aber wird das Ausmaß der nach außen hin sichtbaren Signale vom Betroffenen deutlich überschätzt. Soziale Ängste sind nicht immer sofort zu erkennen. Menschen sind oft sehr geschickt darin, angstauslösende Situationen zu vermeiden. So können Ausreden erfunden werden, um von einem sozialen Event fernzubleiben, bei beruflichen Herausforderungen kann Krankheit vorgetäuscht werden.

Ab wann ist es notwendig, sich professionelle Hilfe zu suchen?

Wenn Leidensdruck und Einschränkung in der Lebensführung bestehen, ist es empfehlenswert, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine gesunde Nervosität vor einer beruflichen Herausforderung darf sein. Kritisch wird es, wenn die gesunde Anspannung einer lähmenden Angst oder Vermeidung weicht, wenn die Lebensqualität sinkt, weil man aufgrund sozialer Ängste beispielsweise nicht mehr Essen oder ins Theater gehen kann, obwohl man dies gern tun würde, oder wenn man eine berufliche Weiterentwicklung, die einem erstrebenswert erscheint, aufgrund der befürchteten sozialen Herausforderungen vermeidet.

Wie finde ich die passende Behandlung?

Beispielsweise über die Webseiten des oö. Landesverbands für Psychotherapie oder des Bundesministeriums für Gesundheit. Dort kann man mittels Suchfunktion PsychotherapeutInnen in der Nähe oder nach bestimmten Kriterien suchen. Wichtig ist, dass man sich bei dem/der jeweiligen Therapeuten/in wohl fühlt und Vertrauen aufbauen kann.

Was passiert in einer Therapie? Sind die Aussichten, eine Angststörung mit professioneller Unterstützung in den Griff zu bekommen, gut?

In der Therapie werden zunächst das Problem und die Situationen, in denen dieses auftritt, analysiert. Gemeinsam wird ein Behandlungsplan erstellt und das weitere Vorgehen Schritt für Schritt besprochen. Mögliche Ursachen der Angst sowie Behandlungsmöglichkeiten werden erklärt. Angstauslösende und selbstabwertende Gedanken werden identifiziert und verändert. Es wird daran gearbeitet, wertschätzender mit sich selbst umzugehen. Selbstsicheres Verhalten wird trainiert. Das kann beispielsweise bedeuten, Nein-Sagen und sich abgrenzen zu lernen, Bedürfnisse äußern zu können und Rechte einzufordern. Die Prognose, soziale Ängste psychotherapeutisch erfolgreich zu behandeln, ist sehr günstig.