Ein Studium mitten auf der Bühne
Bild: VOLKER WEIHBOLD

Ein Studium mitten auf der Bühne

Von Julia Evers

Gleich nach dem Studienabschluss singt Ilia Staple die Hauptrolle in der "West Side Story"

Ein Casting ist immer noch eine seltsame Situation für Ilia Staple: "Das ist wie ein Seelenstriptease. Innerhalb von Sekunden musst du alles von dir herzeigen können und dann auch noch erraten, was die, vor denen du singst, gerade hören und sehen wollen."

Doch nach den vielen Jahren Bühnen- und damit auch Castingerfahrung, die die bald 30-jährige Sängerin mittlerweile sammeln konnte, hat sie gelernt, damit umzugehen: "Vier Leute sagen dir vier verschiedene Sachen. Du musst dir halt einfach eine Elefantenhaut zulegen."

Beim Ergattern der Hauptrolle in der "West Side Story", dem von den OÖNachrichten präsentierten und in Bad Leonfelden ab 7. Juli aufgeführten Musical-Klassiker, war die Sopranistin erfolgreich. Der Vizerektor der Bruckner-Uni, Thomas Kerbl, hatte die Wandelbarkeit ihrer klassisch ausgebildeten Stimme erkannt.

"Viel Praxis im Beruf" und "sensationelle Kontakte" – das sind auch jene zwei Dinge, die Staple von ihrer Ausbildung an der Bruckner-Uni am nachhaltigsten helfen. Nach dem Bachelor-Studium wurde sie als eine von sechs aus 560 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt, um im "Opernstudio" zwei Jahre lang als Angestellte des Landestheaters in diversen Produktionen Praxis zu sammeln und gleichzeitig ein Masterstudium abzuschließen.

Mit Opern aufgewachsen

Dass sie ihr Leben singend verbringen will, war der Tochter einer Sängerin und eines Dirigenten schon lange klar. "Bei uns zuhause wurde immer nur Opernmusik gehört", sagt Ilia, deren Vorname aus Mozarts "Idomeneo" entnommen wurde: "Als ich sechs Jahre alt war, habe ich das erste Mal Ö3 gehört, das war eine Offenbarung!"

Wenn sie beschreiben will, wie sich das Leben von Studierenden künstlerischer Richtungen von jenen an der JKU unterscheidet, muss Staple nachdenken. "Wir haben ein ganz enges Verhältnis zu unseren Mitstudenten. Ich liebe meine Kollegen vom Opernstudio und kann mir gar nicht vorstellen, sie ab Sommer, wenn wir mit unserer Ausbildung fertig sind, nicht mehr ständig zu sehen. Außerdem haben wir ein anderes Leben, was unsere Arbeitszeiten betrifft. Am Vormittag intensiv und dann gezwungenermaßen am Abend wieder, weil wir da entweder selbst in einer Produktion mitwirken oder eine ansehen."

Nicht nur als Teil des am Musikgymnasium Stifterstraße vor zwölf Jahren entstandenen Vocalensembles "Lalá" hat Staple Auftrittserfahrung gesammelt, auch während des Studiums bemühte sie sich um Stückverträge. "Im Sommer ist es heuer so, dass ich parallel eine Oper, eine Operette und dann noch Musical singe", sagt sie. Dass bei der "West Side Story", wie schon bei anderen Produktionen der Musicalfestwochen zuvor, ein eingespieltes Team auf äußerst hohem Niveau arbeitet, ist für sie eine Bestätigung des Standorts Oberösterreich. "Das wird fast alles aus Oberösterreich gestemmt und hat extrem gute Qualität. Dass der Prophet im eigenen Land nichts zählt, stimmt in diesem Fall nicht."

Info: "West Side Story" bei den Mühlviertler Musicalfestwochen Bad Leonfelden, Termine zwischen 7. und 29. Juli, www.oeticket.com