Bild: werk // In Linz wird an der Mode der Zukunft gearbeitet.

"Wir werden Kleidung künftig anders herstellen"

Von Reinhold Gruber

Christiane Luible-Bär über die Mode der Zukunft und das EU-Forschungsprojekt, das in Linz eine große Rolle spielt.

Wer sich mit der Mode der Zukunft beschäftigt, muss nicht automatisch Modeschöpfer sein. Denn hinter dem Begriff, der in Linz in den nächsten drei Jahren auch mit EU-Förderung weiterentwickelt werden soll (siehe Bericht auf dieser Seite unten), steckt mehr. Was genau, das haben die OÖNachrichten bei Christiane Luible-Bär, Co-Leiterin der Studienabteilung "fashion & technology" der Kunstuniversität Linz, die in der Tabakfabrik untergebracht ist, erfragt.

OÖNachrichten: Was genau ist unter der Mode der Zukunft zu verstehen?

Christiane Luible-Bär: Natürlich könnte man an Aussehen und Styling der Mode denken, aber in Wahrheit geht es darum, dass sich die Branche im Umbruch befindet. 73 Prozent der Textilien, die wir durchschnittlich sechs bis acht Mal tragen, werden nach maximal einem Jahr entsorgt. Die Modeindustrie ist der drittgrößte Umweltverschmutzer der Welt. Es braucht da ein Umdenken.

Was können wir Menschen tun?

Wir müssen die Kreisläufe schließen und schauen, wie wir die Mode wiederverwerten können. Die Massenproduktion wird so sicher nicht mehr möglich sein, weil wir die Ressourcen dazu nicht mehr haben. Wenn wir die Kleidungsstücke länger tragen wollen, dann können sie nicht billig in Fernost produziert werden. Wir brauchen da eine andere Qualität.

Warum kann das für Linz relevant sein?

Produkte mit höherer Qualität lassen Spielraum für andere Produktionen zu. Ich glaube zum einen, dass die Länder in Fernost die Mode in Zukunft nicht mehr so billig produzieren werden können und wollen, wie jetzt. Auch dort werden die Löhne steigen. Zum anderen wird die Entwicklung des "Urban Manufacturing", also der Produktion in kreativen Städten, immer mehr sichtbar. Genau hier setzt auch das Forschungsprojekt "Re.Fream" an. Das birgt für mich ein riesiges Potenzial in sich, dass man Produktionen aus Fernost nach Europa zurückholen kann, indem man hier eine neue Art der Produktion entwickelt.

Wie ist das konkret zu verstehen?

Spannend ist nicht nur der Prozess der Herstellung, sondern auch die neue Ästhetik der Mode, wenn ich die Kleidungsstücke nicht mehr zusammennähe, sondern sie aus dem 3D-Drucker kommen und mit dem Roboter zusammengeschweißt werden. An diese Ästhetik werden wir uns in Zukunft gewöhnen müssen.

Viel ist von Vernetzung die Rede, vom Zusammenwirken von Design und Technologie. Sind wir da schon so weit?

Wir sind auf dem Weg. Das "Urban Manufacturing" entsteht sehr aus der Szene der Kreativen heraus. Es ist selten so, dass es dabei nur um Technologie geht. So wird sich aus dem Zusammenspiel aus Gestaltung und Technologie noch einiges tun. Wir werden Kleidung anders herstellen, wobei es auch um die Materialien gehen wird. Wir arbeiten bereits an 3D-Strick.

Wo steht Linz in der internationalen Entwicklung?

In Linz gibt es ein paar Faktoren, die bestimmen, dass wir vorne mit dabei sind. Durch das Ars Electronica Festival etwa hat Linz Zugang zu neuen Projekten. Andererseits kann man hier sehr viel durch die Technologielandschaft entwickeln. Hier sitzen Schlüsseltechnologien für die Zukunft. Da darf man Linz nicht unterschätzen. Hier sind Firmen Vorreiter.

Aber alleine wird es nicht gehen.

Natürlich nicht. Wir können die Technologie alleine nicht nach vorne treiben. Daher ist es auch gut, dass sich Linz mit Berlin und Valencia vernetzen kann. Von diesem Austausch werden auch Start-ups profitieren.

Wie rasch werden wir Mode aus 3D-Druckern tragen können?

Einzelne Kleidungsstücke aus Pilotprojekten gibt es jetzt schon. Aber die Entwicklung einer neuen Modeproduktion, die nachhaltig, individuell und für größere Mengen geeignet ist, wird wohl noch rund 20 Jahre dauern. Dann können wir aber vielleicht schon Mode aus neuen und abbaubaren Materialien in Serie produzieren.

Forschungsprojekt: In Linz wird an der Mode der Zukunft gearbeitet

„Das ist ein Jackpot für uns“, sagte Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner und meint damit jenes Projekt mit vier Millionen Euro an EU-Fördermitteln, das die Creative Region und Profactor nach Linz gebracht haben. Somit werde Oberösterreich die Mode der Zukunft mitgestalten.

Das Forschungsprojekt „Re.Fream“ soll Künstlern, Designern und Technikern die Möglichkeit geben, in den nächsten drei Jahren Produktionsmethoden, Materialien und Technologien für die Mode der Zukunft zu gestalten. Insgesamt 20 Projekte werden gefördert, die Hubs in Valencia, Berlin und Linz vernetzen Technologieanbieter, Unternehmen, Kreativ- und Kunstszenen sowie Produktionsstätten.

Vorreiterrolle

„Hier eröffnen sich neue Wege“, sagt Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer, „in Linz wird an der Maßschneiderei der Zukunft gearbeitet.“

Linz und Oberösterreich könnten insoferne eine Vorreiterrolle spielen, als sich hier durch die Kunstuniversität, das Ars Electronica Center und die Tabakfabrik eine kreative Szene entwickelt hat, der eine Schlüsselposition in der Neudefinition der Mode zukommen kann. Denn die Mode ist im Umbruch, bietet viel Raum für Innovation und könnte längerfristig gedacht dazu führen, dass die Produktion aus den Billiglohnländern wieder in die Regionen zurückgeholt werden, wie es Christiane Luible-Bär erklärte.

Dass dieser Lehrgang vor vier Jahren in Linz gegründet wurde und passenderweise in der Tabakfabrik seinen Platz bekommen hat, war für Kunstuni-Rektor Reinhard Kannonier keine leichte, aber letztlich eine richtige Entscheidung. „Linz ist ja nicht gerade als ein Zentrum der Modewelt bekannt, aber die Rahmenbedingungen sind hervorragend“, so Kannonier. Denn hier werde viel über neue Technologien nachgedacht, die auch die Modeproduktion im besten Sinne des Wortes nachhaltig verändern könnten.

Nachhaltigkeit, elektronische Textilien sowie 3D-Druck sind für den „technischen Koordinator“ des Projektes, Christoph Breitschopf (Profactor) die wichtigsten Fragen, die zwischen Berlin, Valencia und Linz beantwortet werden können. Design und Technologie würden neue Geschäftsmodelle unterstützen.

Für Creative-Region-Geschäftsführer Patrick Bartos ist „Re.Fream“ das spannendste der bisher fünf EU-Projekte, die für Oberösterreich an Land gezogen wurden.