Bild: Manfred Fesl // Carol Urkauf-Chen in der Produktionshalle von KTM-Fahrrad. Selbst will sie in der Pension noch mehr in die Pedale treten.

"Die Innviertler verstehe ich besser als die Deutschen"

Von Magdalena Lagetar

Carol Urkauf-Chen aus Taiwan übernahm KTM-Fahrrad vor 23 Jahren, Mattighofen wurde ihre Heimat.

Flotten Schrittes und mit einem Lächeln auf den Lippen führt Carol Urkauf-Chen durch ihr Mattighofner Unternehmen. Sie kennt es in- und auswendig, auch die provisorische Produktionshalle, in der derzeit gearbeitet wird, bis die neue, größere Halle fertig ist. Die Firma wächst jedes Jahr um 30 Prozent. Dass KTM-Fahrrad so floriert, ist keine Selbstverständlichkeit. Viel ist der 63-Jährigen aus Taiwan zu verdanken, die seit Jahrzehnten den richtigen Riecher beweist. "Sie hat KTM-Fahrrad wie einen Phönix aus der Asche gehoben", lobt Geschäftsführer Stefan Limbrunner. "Ich bin ja auch seit 40 Jahren in der Branche", winkt Carol Urkauf-Chen das Kompliment ab.

Aller Anfang ist schwer

Ja, der Beginn sei sehr schwer gewesen, gibt die Taiwanesin zu. Sie hat KTM-Fahrrad 1991 mit ihrem damaligen Ehemann Hermann Urkauf übernommen. 1995 stand die Firma vor dem Aus. Carol Urkauf-Chen trennte sich von ihrem Mann und begann, die Firma zu sanieren. "Das war eine große Lernphase für mich. Ich musste viel arbeiten, hatte aber noch zwei kleine Kinder", erzählt sie. Es war eigentlich nicht ihr Wunsch, das marode Unternehmen zu übernehmen. Aber es war in Not und sich einfach zu verdrücken, das sei nicht ihre Art. "Ich hatte damals keinen anderen Gedanken als die Verantwortung für meine 200 Mitarbeiter", sagt sie. Eine Taiwanesin, die ihnen Hoffnung gibt? "Es gab Vorurteile, natürlich. Aber die Mitarbeiter waren dankbar, dass ich sie nicht im Stich ließ. Und ich sage, Respekt ist das Wichtigste. Wenn ich meine Mitarbeiter respektiere, dann respektieren sie mich. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft", sagt Urkauf-Chen. Heute beschäftigt sie europaweit fast 650 Leute und betont, das größte E-Mobilitätsunternehmen Österreichs zu führen.

Next Generation

Nicht ganz alleine, denn die jüngere Generation sitzt schon fest im Sattel: Tochter Johanna Urkauf (im Bild mit ihrer Mutter) und Stefan Limbrunner sind operativ für die Geschicke des Fahrradherstellers verantwortlich. "Ich übe für die Pension", sagt die 63-Jährige, die sich in den Aufsichtsrat zurückgezogen hat.

Eine dauerhafte Rückkehr nach Taiwan kann sie sich auch in der Pension nicht vorstellen. Zweimal im Jahr fliegt sie hin, ihre Töchter sogar öfter. Sie sprechen beide sehr gut chinesisch", freut sich die Mama, die mit ihnen in beiden Sprachen kommuniziert.

Was die Liebe alles macht

Nur die Winter seien ihr zu kalt, sagt die 63-Jährige, die herrlich ehrlich berichtet: "Wenn ich so zurückdenke an meine Heirat 1988. Ich würde sagen, ich war schon fast ein bisschen naiv. Nur der Liebe wegen bin ich hergekommen. Habe meine Firma in Asien, meine große Familie und meinen Freundeskreis zurückgelassen und bin nach Österreich gegangen. Ich kannte ja nicht einmal die Sprache", sagt sie und lacht. Bereut hat sie diese Entscheidung nicht. Und die Sprache hat sie gelernt. Auch den Innviertler Dialekt. "Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren hier, ich verstehe die Innviertler besser als die Deutschen", sagt sie und mag am liebsten das Wort "gemma!" Ihre besten Freundinnen seien Innviertlerinnen, nach asiatischem Essen habe sie schon lange kein Verlangen mehr, lieber mag sie Schweinsbraten. Mattighofen sei schöner als Salzburg. "Die guten Gasthäuser, die viele grüne Landschaft, die frischere Luft" – das Innviertel ist längst zu ihrer Heimat geworden.