"Bin vom Schein der Kunstwelt ins Sein gekommen"
Bild: Alexander Schwarzl

"Bin vom Schein der Kunstwelt ins Sein gekommen"

Von Susanna Sailer

LINZ. "Mein Leben war immer Veränderung", sagt Karl Sibelius (49). Sei es rollenbedingt als Schauspieler in den 20 Jahren am Linzer Landestheater oder als Kulturmanager und Intendant. Ein Leben mit Höhen und Tiefen: Nach der Kurzintendanz in Trier – nach einem Jahr musste er wegen Budgetüberschreitungen gehen – orientierte er sich völlig um. Heute unterrichtet er an der Pädagogischen Hochschule in Linz und macht eine Ausbildung zum Psychotherapeuten.

In Oberösterreich kennt man Sie als Schauspieler. Von Ihrer akademischen Karriere wissen wenige. Wann nahm diese ihren Lauf?

Karl Sibelius: Es begann 2005, als mein Lebenspartner Rainer Bartel und ich unsere Ella adoptierten, die heute 14 Jahre alt ist. Das Kind war außergewöhnlich brav und ich nicht ausgelastet. Also begann ich ein Kulturmanagement-Studium. Als Pflegekind Jakob hinzukam, heute ist er neun, studierte ich Friedensforschung, machte den Master und später mein Doktorat im Bereich Kulturwissenschaften. Das lief alles neben dem Theater. Ich studierte auch Wirtschaft in Zürich. In zehn Jahren arbeitete ich die akademischen Stufen ab.

Wie ging es bei Ihnen weiter, nachdem Sie Ende 2016 von Trier nach Helfenberg in Ihr Bauernhaus zurückkehrten?

Ich verfiel in Schockstarre. Ich war zutiefst erschöpft und fragte mich, wer will mich noch? Dann bewarb ich mich an zwei Theatern als Intendant. Das erste Mal in meiner Karriere wurde ich nicht zum Gespräch eingeladen. Da wusste ich: Dieser Zug ist abgefahren. Ich ging zum Arbeitsamt Rohrbach. Die waren total nett. Auf deren Betreiben machte ich den Computerführerschein. Zu der Zeit begann ich mit der Psychotherapie-Ausbildung.

Nachdem Sie selbst in Psychotherapie waren?

Ja. Das half mir sehr und hat viel mit meinem bisherigen Beruf zu tun. Da war mir klar: Ich will Psychotherapeut werden. Nun bin ich mitten im Fachspezifikum und darf in eineinhalb Jahren anfangen, als Psychotherapeut zu arbeiten.

Und welchen Berufsweg schlugen Sie in der Zwischenzeit ein?

Ich bewarb mich bei pro mente, und zwar nicht für einen akademischen Job, sondern als Sozialbetreuer in einem Asylwerberheim für Jugendliche in Lichtenberg. Es wurde eines der intensivsten Jahre meines Lebens. Zuerst spürte ich unbewusst Angst, dann ging ich wie ein Psychotherapeut vor. Ich setzte mich mit den Menschen auseinander und bemerkte deren Ängste, Wünsche und Leid. Das bestärkte mich, Psychotherapeut zu werden. Ich möchte in eineinhalb Jahren eine eigene Praxis eröffnen.

Aber wie kamen Sie zur Lehre?

Ich unterrichtete schon einmal sechs Jahre Schauspiel für Sänger am Mozarteum und war an der Bruckner-Uni tätig. Als die Pädagogische Hochschule eine Professur ausschrieb, bewarb ich mich. Seit September bin ich dort in der Persönlichkeitsbildung, mache Theaterpädagogik, Friedenspädagogik und Menschenrechtsbildung.

Was ist unter Friedenspädagogik zu verstehen?

Ich lehre den friedlichen Umgang miteinander und wie wir mit verschiedenen politischen Situationen, mit Stimmungsmache, der Angst vor Fremden, aber auch mit eigenen Ängsten umgehen sollten.

Welche Parallelen gibt es zwischen dem Unterrichten, der Psychotherapie und dem Theater?

Sehr viele. Wir alle spielen Theater. Ein Lehrer steht in der Öffentlichkeit, er muss wie ein Schauspieler sein Publikum aufnehmen. Ein Psychotherapeut muss nachhaken, wie ein Schauspieler beim Rollenstudium. Für mich ist das kein Neubeginn, sondern eine Weiterentwicklung. Ich habe nicht das Gefühl, wenn ich in die Pädagogische Hochschule gehe, dass ich jetzt arbeite. Nein, das ist mein Leben.

An der PH begleiten Sie ein Friedensprojekt. Was ist das?

Ein kostenloser Hochschullehrgang für Friedenspädagogik und Menschenrechtsbildung in Kooperation mit SOS Menschenrechte, Volkshilfe und Friedenswerkstatt Salzburg. Es geht um friedlichen Umgang miteinander, Anti-Mobbing, gewaltfreie Kommunikation und Menschenrechte. Teilnehmen können Lehrer und Pädagogen. Ein Drittelanteil ist offen für Leute, die aus anderen Berufsfeldern kommen. Los geht’s im August in Hartheim mit Workshops, der Lehrgang wird im Herbst starten.

Und was ist mit dem Theater?

Das habe ich ausgeblendet. Selten besuche ich Aufführungen, denn es kommt ein Gefühl der Traurigkeit auf. Es war ein schwieriger Weg, mich davon zu lösen. Nun bin ich vom Schein der Kunstwelt ins Sein gekommen. Ich habe im Moment kein Bedürfnis, etwas in Richtung Theater zu beginnen. Nur im Sommer auf Schloss Tillysburg habe ich wieder vier Auftritte.

Das Thema Theater tut immer noch weh?

Ja. Aber in meiner Psychotherapie-Doktorarbeit, an der ich schreibe, beschäftige ich mich mit "Genie dank Wahn?". Wie psychisch stabil bzw. instabil müssen Schauspieler sein, um diesen Beruf gut ausüben zu können? Ich bin also schon noch immer am Thema Theater dran.