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Bild: ©Freepik.com // Das Ohr leistet im Büro Schwerstarbeit.

Hilfe bei versteckter Schwerhörigkeit im Büro

Von Daniela Ullrich

Die wenigsten Mitarbeiter wagen es, Hörprobleme zuzugeben. Je nach Studien haben aber bis zu 26 Prozent der 21- bis 40-jährigen Schwierigkeiten, Stimmen und Geräusche wahrzunehmen. Die Verheimlichung sorgt für erschwerte Arbeitsbedingungen und beeinträchtigtes Wohlbefinden. Clean Hearing-Practices können hier Abhilfe leisten.

Arbeiten Sie mit Menschen zusammen, die Hörprobleme haben? Höchstwahrscheinlich schon – Sie wissen es nur nicht. Denn die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich gerade am Tag des Hörens (3. März) auf die Altersschwerhörigkeit und den Hörverlust bei Jugendlichen. „Kaum wahrgenommen wird dieses Problem dagegen bei den 21- bis 40-jährigen – also jener Gruppe, die mitten im Berufsleben steht“, sagt Gregor Demblin, Geschäftsführer der DisAbility-Unternehmensberatung myAbility. Gerade bei ihnen verursacht der Hörverlust, der sich mit dem Alter noch verstärkt, aber besondere Schwierigkeiten.

Hörprobleme werden oft verheimlicht

„Je nach Studie haben bis zu 26 Prozent der Erwachsenen in dieser Altersgruppe eine leichte bis schweren Hörminderung. Doch die wenigsten gehen offen damit um. Viele befürchten eine Stigmatisierung und Probleme mit ihrem Arbeitgeber.“ Daher ist die Dunkelziffer in dieser Altersgruppe besonders hoch. Auch ist der schleichende Hörverlust den Betroffenen in seinem Umfang oft nicht voll bewusst, bis er Schwierigkeiten verursacht.

 „In diesem Bereich fehlt es an Wissen“, erklärt Demblin. „Viele glauben, dass Schwerhörigkeit einfach bedeutet, alles leiser zu hören. Das ist aber meist nicht der Fall. Schwerhörigkeit bedeutet oft, dass man etwa verzerrt hört. Oder man nimmt bestimmte Laute nicht wahr und muss daher immer aus dem Kontext heraus eruieren, ob die Kollegin zum Beispiel gerade ‚Feld‘ oder ‚Held‘ gesagt hat. Hohe Stimmen werden als erstes schwerer verständlich.“ Typisch ist bei Schwerhörigkeit, dass die Betroffenen in Situationen mit vielen Hintergrundgeräuschen überfordert sind – wie etwa in Großraumbüros.

Effizienz und Wohlbefinden leiden

Resultat ist, dass Mitarbeiter viel Energie aufwenden müssen, um ihre Hörschwäche auszugleichen, damit ihre Kollegen nichts merken. „Einerseits leidet natürlich die Effizienz darunter. Aber auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter ist dadurch stark beeinträchtigt.“ Isolation, Depressionen und erhöhte Erkrankungs- bzw. Unfallgefahr sind bekannte Folgeprobleme von Schwerhörigkeit. „Dabei wäre es relativ einfach, den Arbeitsplatz und die Unternehmenspraktiken so einzurichten, dass auch Mitarbeiter mit Hörschwächen ihre Arbeit problemlos erledigen können“, sagt Demblin.

Hörgeräte oder Cochlear-Implantate, die von den Betroffenen selbst getragen werden, sind ein Anfang. Auf der technischen Seite können auch Hilfsmittel wie z.B. Telefonverstärker und Lichtsignalanlagen für Türklingeln eine große Erleichterung sein. Spezielle Anlagen zur Tonübertragung ermöglichen es Mitarbeitern mit entsprechenden Hörgeräten, beispielsweise das Gesagte in Meetingräumen gut erfassen zu können. Besonders wichtig ist aber die Einrichtung von klaren Regeln für die Kommunikation. „Sogenannte ‚Clean Hearing-Practices‘ erleichtern allen, auch ‚normalhörigen‘ Mitarbeitern, den Arbeitsalltag“, rät Demblin.

Clean Hearing-Practices für Büros

  • Raum schaffen, damit MitarbeiterInnen artikulieren können, was sie brauchen, um gut zu hören – denn diese sind selbst Experten, was das eigene Gehör angeht. Zusagen, die Mitarbeiter darin zu unterstützen.
  • Die Raumakustik durch Geräuschdämmung im Büro optimieren: Dazu gehören Raumteiler, Teppiche, Grünpflanzen etc.
  • Im Arbeitsalltag: deutliche Ansprache der KollegInnen mit Namen sowie Blickkontakt – und es spricht immer nur einer gleichzeitig.
  • Meetingkultur: Klare Agenden, die auch eingehalten werden. Kommunikationsregeln, die verhindern, dass durcheinander gesprochen wird.
  • Störlärm vermeiden – z.B. durch eigene Bereiche, in denen beim Arbeiten Ruhe herrscht und andere Bereiche, in denen geplaudert oder auch zum Beispiel Musik gehört werden kann.

Nicht nur Mitarbeitern mit bestehenden Hörproblemen werden es danken. „Ab dem 20. Lebensjahr wird das Hörvermögen bei den meisten Menschen mit jedem Jahr geringer. Wer jetzt noch gut hört, für den kann es in fünf Jahren ganz anders aussehen“, warnt Demblin. „Rücksichtnahme auf das Gehör der MitarbeiterInnen bringt daher allen Unternehmen etwas, auch jenen, bei denen noch keine Probleme offensichtlich wurden.“